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Das Blumenwunder

Ich möchte von einem Erlebnis erzählen, das mir ins Denken gegriffen hat wie wenige andere. Es handelte sich um einen Film, der »Das Blumenwunder« hieß. Er war aus Versuchen der Badischen Anilin- und Soda-Fabriken hervorgegangen. Man hatte die Wirkung bestimmter Stoffe auf Kulturgewächse untersuchen wollen und dazu kinematographisch die Entwicklung von Tabakpflanzen aufgenommen. Durch Zeitraffung hatte man die unmerkliche Wachstumsbewegung auf ein schnelleres Maß gebracht, sodaß der Vorgang, der sich in Stunden vollzieht, auf Sekunden zusammengezogen wurde. Das Ergebnis war überraschend.
Zunächst wurde das Wachstum selber sichtbar. Man konnte das Gras, zwar nicht wie der Mann im Märchen, wachsen hören, aber sehen. Man sah, wie der Keimling aus dem Boden sproßte und sich hob; wie die Blätter sich auffalteten, immer eine Lage über der anderen; wie sie zur vollen Größe heranwuchsen, um dann zu welken. Es blieb aber nicht bei dieser Wachstumsbewegung. Darüber hinaus sah man die Pflanze in einer beständigen, ich möchte sagen, Lebensbewegung begriffen. Die Blätter regten sich in bestimmten Rhythmen auf und ab, wie schlagende Flügel.
In der gleichen Weise hatte man auch andere Pflanzen aufgenommen, und nun faßte der Film das Ergebnis zusammen. Man sah in ihm Primeln, Flieder, Schlingpflanzen, Liliaceen und Orchideen aufwachsen, alt werden, welken, sterben.
Hier habe ich wirklich erlebt, was »Entwicklung« heißt. Ich sah ein Lebendiges sich aus sich selber herausholen, mit Bewegungen, die Mühsal zu verraten schienen, Not, ein Ringen aus engem Innen in die Klarheit der Gestalt. Ich schaute die Urtatsache des lebendigen Wachstums, unüberbrückbar anders als alles mechanische Mehrwerden. Jede Pflanze hatte ihren

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