Romano Guardini Online Konkordanz
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47.
Brief vom 25.05.1914, Freiburg.
25.5.14.
Lieber Josef,
hab Dank für Brief und Manuskript*384. Es wird jetzt abgeschrieben, dann bekommst Du die Abschrift von D. M. wieder. Ändern hab' ich nichts können, nur viel im Kleinen daran gefeilt. Ich kann mich nicht überzeugen, daß zu viel gesagt sei. Wie Wagner neben den Tristan die so gänzlich unpantheistische, so freie, optimistische, klare Welt der Meistersinger gestellt hat, so über die düstere Verhängniswelt des »Ringes« die Gnadenwelt des Parsifal. Und wir dürfen auch nicht vergessen, daß es sein letztes Wort war. Sollte aber das Werk, wie es da steht, größer sein als sein Schöpfer - nun, jedes echte Werk ist mit einer Seite ins Wesen seines Urhebers verwoben, ist geschichtlich und geschichtlich zu verstehen. Aber es hat auch eine zeitlose Seite, die absolut ist und rein durch sich selbst zu verstehen.
Meine Arbeit ist fertig, wird augenblicklich mit der Maschine abgeschrieben.*385 Gott sei Dank! Nun stecke ich schon in den Vorbereitungen zum Mündlichen. Mitte Juli will ich wenns geht, eine Station erledigen (Dogmatik*386, Moral und Neues Testament.) Ist das geschehen, dann denke ich ein wenig auszuspannen.
Gar manches Neue haben mir die letzten Tage gebracht. Eine große Freude besonders. Ich habe erkannt, daß der Theologe, dem ich innerlich am nächsten stehe, der hl. Thomas ist. Wunderts Dich? Sieh, das wurde mir klar; daß ich nur mit einem solchen Denker dauernd zusammengehen kann, der gleichsam ein »offenes System« hat, der antithetisch denkt. Ein solcher ist Thomas. Er ist dem Wirklichen samt dessen Geheimnis zugewandt, und gestattet mir, beständig, mit seinen eigenen Gedanken über ihn hinauszugehen. So finde ich hier, und das macht mich froh, mit meinem innersten Wesen Anschluß an einen Hauptpunkt der Tradition. Denn das möcht' ich so sehnlich: ganz, ganz aus dem
384 Guardinis Ms. zu Wagners Parsifal.
385 Die Dissertation.
386 Der Freiburger Dogmatiker war Carl Braig (1853-1923), der auch Heidegger nach eigener Aussage (Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 9. Aufl. 1990, 96) stark prägte.

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