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Der Sinn der Seligpreisungen Dieser Tage begegnete mir wieder, ich weiß nicht, in welchem Buch oder Gespräch, der so oft vernommene Gedanke, die Bergpredigt mit den Seligpreisungen begründe die christliche Ethik. Diese Ethik wurde dann mit anderen Gestalten und Stufen der sittlichen Entwicklung verglichen; es wurde festgestellt, sie stehe höher als die übrigen, nur natürlichen Sittlichkeitsformen, ja bedeute die Krönung und Vollendung der sittlichen Welt überhaupt. Tolstoi sagt in seiner »Auferstehung« das Gleiche. Das Buch hat mir einen ganz unbefriedigenden Eindruck hinterlassen; es war so dünn und reformistisch - zumal wenn ich es mit jenem anderen verglich, das man unwillkürlich daneben hält, Dostojewskijs »Raskolnikow«! Ich glaube, eben in jener Grundauffassung beruht der Unterschied zwischen beiden Büchern. Wir verstehen den Sinn der Seligpreisungen erst, wenn wir uns vorher die »natürliche« Ordnung der Wertungen ins Bewußtsein rufen. Was sagt die zur Frage des Besitzes? Die Reichen sind selig! Es ist schön, in einer Fülle zu leben; in weitem, freimachendem Daseinsraum und im Besitz aller Möglichkeit, seine Kräfte zu entfalten. Es ist glückbringend, zu besitzen, was edel und kostbar ist. Und des besten sittlichen Strebens würdig ist die Aufgabe, die Gefahren zu überwinden, die im Reichtum liegen; sich von ihm nicht entnerven zu lassen, nicht genießerisch, selbstsüchtig, gedankenlos zu werden, sondern in steter Selbstzucht Maß, Beherrschung und Freiheit zu erringen. Es ist eine edle Aufgabe, den Reichtum durch die eigene Lebensführung zu rechtfertigen; die Möglichkeiten, die er bietet, in lebendige Kräfte zu verwandeln und, was er an Bevorzugung gibt, zur Verantwortung zu machen. Das alles aber entbehren zu müssen, arm zu sein - | ||
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