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Rundfunk / Zwei Briefe [1926] I. Lieber Berning! Wir sprachen kürzlich über jenes feine, schwebende Ding, das unter den Händen zergeht, sobald man es greifen will, und doch so wirklich ist und stark, daß es den sicher macht, der es besitzt ... Wir nannten es "die innere Ebene" einer Zeit: Jene besondere Artung, die alles verbindet, was in einer Zeit geschieht; die Ordnung ihrer bestimmenden Maßstäbe, Wertungen, Ziele und Strebungen; jenes "Feld", auf das etwas bezogen sein muß, sollen wir sagen können: "Dies gehört zu dieser Zeit." Aber das alles sind nur flüchtige Worte, leicht als irreführende Bilder abgetan. Sie sprechen das Eigentliche nicht aus, das, was doch da ist; worin das Geschehen einer Zeit wurzelt; das, auf dem man steht und wirkt, wenn man "in der Zeit" steht und wirkt. Und nun ist mir etwas Sonderbares geschehen: Ich glaube, ich habe diese innere Ebene unserer Zeit gespürt ... Es klingt mir ja selbst ein bißchen sonderbar, daß ich dergleichen sage. Aber immerhin - laß mich erzählen. Ich hatte also im Rundfunk zu sprechen, in einer vom Zentralinstitut für Erziehungswissenschaft ausgehenden Vortragsreihe der "Deutschen Welle". Mit dem Gefühl einer gewissen Verpflichtung hatte ich zugesagt, und war begierig, wie "es" sich gestalten werde. War mir doch das ganze Rundfunkwesen neu; weder hatte ich bis dahin in ihm gesprochen noch gehört. Ich fand keine Zeit, den Vortrag niederzuschreiben; so mußte ich frei reden und stand daher dem Geschehnis offener gegenüber. Und daß die Darlegungen über "Fragen staatsbürgerlicher Erziehung" gingen, war auch gut. Der Gegenstand selbst wies in die Weite; irgendwie ging er jeden an, der hören würde. | ||
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