Romano Guardini Online Konkordanz
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15.
Brief vom 31.12.1912, Mainz.
Lieber Josef
Ich bin auf ein paar Tage in Mainz*148 und antworte von hier kurz auf Deinen lieben Brief. Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, daß ich Dir schon etwas sein konnte, denn dann weiß ich, daß ich bisher nicht ganz unnütz war - aber, weißt Du, - von Zeit zu Zeit kommt dann auch die Furcht - »was wird geschehen, wenn er einmal sieht und merkt, was Du in Wahrheit bist?« Mir ist, als könnten mich die Menschen nur gern haben, solange sie mich nicht kennen, solange sie mich nur hie und da hören. -
Was Du mir schreibst kann ich wohl verstehen. Mir scheint, Du mußt auch, wie so viele heut und auch ich, den Kampf um die Hoffnung führen. Hast Du einmal schon bedacht, was die ist? Der Glaube an das Gute, auch wider allen Schein? an die Kraft der Gnade, und wenns noch so schlecht geht; an die Göttlichkeit der Kirche, auch wenn noch so vieles dazwischentritt; kurzum der Glaube an die Kraft und den Sieg des »Guten« in allem [,] Natur und Übernatur! Es ist der christliche Optimismus, die Menschentugend schlechthin, status viatoris, einfach die praktische Seite des Glaubens. Wenn doch über sie mehr gesagt würde! Sie ist die Tugend der Freiheit, der hellen tapferen Tat, die kühn Gott herausfordert, weil sie seines Edelmutes sicher ist, die sich den Glauben und die Liebe zur Kirche nicht nehmen läßt, von niemand, auch von ihr selber nicht. Sieh, Du mußts leichter nehmen. Du weißt wie ich es meine. Nicht leichtfertig, sondern leicht. Den leichten Sinn des freien Kindes Gottes suchen, das sich nicht niederdrücken läßt, von niemand, das sich nicht in die Opposition, nicht in die Negation treiben läßt, das Gott und der Kirche und allem Guten und dem Guten in sich selber sagt: »ich halt fest an euch und glaube an euch und lebe froh und gern für euch, auch wenn alles dagegen ist«, das lächelnd all die tausend Armseligkeiten überall sieht, aber sich darüber nicht die Freude an der Sache nehmen läßt.
Gewiß, das alles ist leichter gesagt als getan, und ich muß mirs selber immer wieder sagen, aber es ist das Rechte. Sehen und verstehen und lächeln können, und sich nicht irremachen lassen, das ist Hoffnung. Wir
148 Weihnachtsferien vom Promotionsstudium in Freiburg.

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