Romano Guardini Online Konkordanz
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Brief vom 20.01.1914, Freiburg.
Freiburg 20.1.14.
Mein liebster Freund,
habe herzlichen Dank für Deinen Brief. Aber wie kannst Du denken, er könnte mich ärgern? Jede Mitteilung freut mich, die Du mir über Dein Leben machst, auch wenn sie ernst ist und mir zu schaffen gibt. Es ist ja mein Stolz, daß ich Dein Vertrauen habe, und Du weißt auch, daß mir alles was Du mir mitteilst innerlich für mich selbst wertvoll ist.
Ich glaube es, daß Dich das treffen mußte. Gewiß will ich nach Deinem Wunsch schreiben, und wahrscheinlich mehr als einmal, wenn sich Gelegenheit gibt. Auch weiß ich nicht, wo je ein gutes Wort wieder so tiefen und edlen Boden fände.
Aber, Du, darf ich zur Sache selbst noch ein Wörtchen sagen? Wenn es eine Dummheit ist, dann tu's eben beiseite. Nicht entschuldigen will ich, das wäre schon ein Unrecht, denn da gibt es gar nichts zu entschuldigen. Ich lasse nur mein Gefühl eine Spur verfolgen, auf die es bald kam. Wenn Du einen gar lieben Freund hättest, und der läge im Fieber, wüßte nicht von sich, und ihm gingen Gedanken durch den Sinn, Worte kämen auf seine Lippen, die nicht aus seinem eigenen Herzen selber aufstiegen, sondern nur Reflexe von Vorgängen in seiner Umgebung wären - meinst Du, Du dürftest über diese Gedanken oder Stimmungen, wenn sie auch wehtun, Schmerz, wirklichen Schmerz empfinden? (Von einer Anrechnung ja überhaupt nicht zu reden!) (Vielleicht rede ich da wie ein Theoretiker vom wirklichen, oft so schmerzlichen Leben; laß Dichs nicht verdrießen, Liebster; aber schon manchmal haben meine Gedanken Dir gefallen.) Glaubst Du nicht, wenn er wieder zur Gesundheit erwacht, so würde er sagen - »das war ich ja gar nicht?« Und darf man solchen Schmerz über Fieberschatten empfinden, lieber Josef, die in solchen Stunden über eine Seele ­laufen, da man doch sieht, wie sie selber klar ist bis in den Grund, genau so wie sie immer war? Darf man das, so sehr, daß man ­darüber krank wird?*
wäre hier nicht, im tiefsten Sinn, ein wenn auch wehmütiges Lächeln am Platz über unser gar so armes Menschenwesen?

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