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Die Ordnung des Seins und der Bewegung

I.
Dantes Weltbild ist, christlich umgedacht, das alte ptolemäische. Die Mitte der Welt bildet die Erde, eine unbewegliche, in sich ruhende Kugel. Die östliche Erdhälfte ist bewohntes Land; die westliche wird vom unerforschbaren Meer bedeckt. Um die Erde liegen erst die Luft- und Feuerzonen als Bereiche der beiden flüchtigen Elemente – die kompakten, Erde und Wasser, befinden sich auf der Erde selbst. Dann folgen konzentrische Gebilde; Kugelschalen aus durchsichtiger Substanz, die daher nicht wahrgenommen werden. Ihrer gibt es neun; sie tragen die Sterne. Mit ihnen kreisen die Sphären um die Weltmitte, welche die Mitte der Erde ist, und ihre Bewegung wird um so schneller, je weiter nach außen sie liegen. Kreisend aber tönen sie.
Die Sphären heißen nach den Gestirnen, die sie tragen: Himmel des Mondes, des Merkur, der Venus, der Sonne, des Mars, des Jupiter, des Saturn und der Fixsterne. Zuletzt und ganz außen liegt der Kristallhimmel oder das primum mobile. Er ist der edelste von allen; seine Bewegung die mächtigste und rascheste.
Um das primum mobile liegt ein Bereich, dessen Wesen mit bloß raumzeitlichen Begriffen nicht mehr ausgedrückt werden kann. Vor ihm wandeln sie sich und werden zu metaphysischen, richtiger gesagt, zu mystischen. Es ist das Empyreum, »das Brennende«. Es umfaßt die Welt und ihren Raum, ist aber selbst überräumlich. Es bestimmt alle Zeitfolge innerhalb der Welt, ist aber selbst überzeitlich. Aus ihm kommt alle Bewegung, es selbst liegt in unwandelbarer Ruhe. Es enthält die schlechthinnige Fülle aller Bestimmungen, aber in reiner Einfachheit.

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