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Über Wilhelm Raabes "Stopfkuchen"

Vorbemerkung
"Die Chronik der Sperlingsgasse" und "Der Hungerpastor" haben Wilhelm Raabe die breite Leserschaft gewonnen; durch sie ist er aber auch für das allgemeine Urteil "der Humorist" und "der gemütvolle Erzähler" geworden. In Wahrheit war er ein Weiser und ein echter Schöpfer. In seinen Büchern gibt es hohe Schönheit, Fülle von Menschengestalt und -schicksal, und öfter, als man vorher ahnt, begegnet man in ihnen wirklicher Größe. Auch mag noch besonders angemerkt werden, welche klare, männliche Reinheit in dem ausgebreiteten Werke herrscht; so schön und selbstverständlich, daß sie dem Leser vielleicht erst nach langer Zeit, aber dann sehr frohmachend ins Bewußtsein tritt.
Auf diesen Raabe hinzuweisen und damit eine alte Schuld des Dankes und der Verehrung einzulösen, ist die Absicht meiner kleinen Schrift. Sie versucht eine Deutung jener Geschichte, welche den sonderbaren Namen "Stopfkuchen" führt. Dabei sind die aus dem Buche selbst wiedergegebenen Stücke vielleicht zahlreicher und länger ausgefallen, als es sich eigentlich gehört. Ich wollte nicht so im allgemeinen über das Buch sprechen, sondern wirklich deuten. Das konnte nur in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Text geschehen. Darf man aber annehmen, wenn man sagt, auf Seite soundsoviel entwickle der Autor diesen Gedanken, der wiederum stehe in Zusammenhang mit einer andern Stelle und werde fortgeführt von einer dritten - darf man dann annehmen, der Leser werde sich das Buch herholen, nachschlagen, vergleichen und so, von der Interpretation zum Text und vom Text zur Interpretation wandernd, das gewinnen, um dessentwillen eine richtige Deutung doch allein geschrieben wird? Ich fürchte, nein! So habe ich es für erlaubt, weil notwendig gehalten, soviel vom Wort der

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