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Eine neue politische Wirklichkeit [1924] Im letzten Heft der "Schildgenossen" habe ich mit einer Reihe von Aufsätzen begonnen: Den "Briefen aus Italien". Sie sprechen von einer Richtung des Sinnes, einer Linie dessen, was wird, und enden in einer bestimmten Hoffnung. In der Hoffnung, daß die Struktur unseres Lebens sich in einer bestimmten Weise umlagern werde; daß bestimmte Kräfte und Haltungen erwachen. Vor einiger Zeit stieß ich auf das Buch von Romain Rolland über Mahatma Gandhi (Rotapfelverlag, Erlenbach Zürich, München und Leipzig, 2. erw. Auflage, 160 S.). Wenn es sachgetreu ist, dann zeigt es jenes Geschehen am Werk, worauf in den "Briefen" gewartet wird: In der politischen Arbeit Mahatma Gandhis; genauer gesagt: In diesem Menschen selbst; in der Haltung, der Kraft, die er entbunden und in die politische Aktion eingesetzt hat. *1 Während des Krieges und nachher war viel die Rede von Realpolitik. Die solche forderten, stellten sich mit Überlegenheit und Geringschätzung den Idealpolitikern gegenüber. Damit war bezeichnet, wer im politischen Kampf Ideen, sittliche Werte, geistige Bindungen berücksichtigte; wer seine politische Arbeit selbst auf sittliche Grundlage baute; wer geistige Motive in sie einsetzte; wer Gesinnungen, wie Rechtlichkeit, Mit-Berücksichtigung des Gegners, Großmut ... wirksam werden ließ. Das alles wurde als Ideologie abgetan und demgegenüber eine "Realpolitik" betrieben, die im Letzten nur Gewalt und List als wirklich und wirksam ansah. Daß der Weltkrieg ausgebrochen ist, hat natürlich sehr viele Gründe gehabt, auch ganz tiefe, hintergründige. Einer aber ist sicher der gewesen, daß weithin als *1 Unterdessen ist der erste Band der gesammelten Aufsätze Gandhis erschienen (Jung, Indien. Ebenda, 1924). Ich will ein andermal darüber berichten. | ||
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