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Das argumentum ex pietate beim hl. Bonaventura
und Anselms Dezenzbeweis
[1922]
Von Privatdozent Dr. R. Guardini, Bonn

1.
Das Pietätsargument kehrt bei Bonaventura mehrfach wieder, meist in kurzen gelegentlichen Äußerungen. Seine klassische Anwendung findet es in der großen Quaestio 2 von d. 1 a. 2 zum dritten Sentenzenbuch. Hier handelt es sich um die Frage, welcher der ausschlaggebende Grund der Menschwerdung gewesen ist. Und zwar spitzt sie sich darauf zu, ob der Sohn Gottes Mensch wurde, um die gefallene Menschheit zu erlösen oder um die Schöpfung zu vollenden. Im ersten Fall hinge die Inkarnation vom Ereignis der Sünde ab, im zweiten nicht. Christus wäre auch ohne es gekommen, nur in anderer Weise.
Für Bonaventura war die Frage schwierig. Einmal hatte er persönlich Beziehung zu beiden Anschauungen. Er besaß ein starkes Empfinden für das positive Moment in der Theologie. So mußte die erste Ansicht ihm der Heiligen Schrift entsprechender erscheinen. Anderseits hatte er große spekulative Begabung und sah, welche Vorteile für die Lehre von Gott und seinen Werken die zweite Theorie bot. Dazu standen die für ihn größten Autoritäten, Augustinus und Alexander, hier einander gegenüber. Der erstere lehrte (z.B. Sermo 174 c. 2 n. 2), der Sohn sei nur gekommen, um uns zu erlösen. Wäre also Adam nicht gefallen, so wäre der Sohn Gottes nicht Mensch geworden. Alexander hingegen sprach in seiner Summa (p. 3 q. 2 m. 13) von einer "convenientia ad incarnationem" auch ohne Sündenfall, eine Ansicht, die später von Scotus, Franz von Sales, Suarez

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