Romano Guardini Online Konkordanz
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91.
Brief vom 13.07.1924, Potsdam.
Potsdam 13.7.24.
Josef, was sollte ich tun, wenn in mir ganz blank das Italienische Wesen durchbräche? Mir sind Dinge gesagt worden, und ich habe selbst Dinge gesehen, ich weiß nicht, was das werden soll. Mir ist, als sei ich im Wesen von primitiver Einfachheit. Als sei ich ganz anders, als hier im Norden die Menschen. Und als müsse daraus noch viel Bitteres kommen. Es ist mir vor einiger Zeit einmal klar geworden. So etwas wie »Mein Geist« oder »Mein Leib« kann ich eigentlich gar nicht denken. Einen Leib, und einen in anderer Dimension stehenden Geist, dem eben dies Verhältnis Problem ist, davon weiß ich im Tiefsten nichts. Mein lebendiges »Eins« - das ist, und atmet und hat not, und denkt und sehnt sich. Nicht Primitivität als Selbstzufriedenheit; aber als erste Einheit. Mein ganzes menschliches Eins sehnt sich, und möchte in Unendliche, und fragt, und schaut und wird nie mit den Problemen fertig; aber immer ists ein solches lebendiges Eins. Siehst Du, diese Einfachheit des ersten Ansatzes, die trennt mich von so vielen. Die sitzt auch in all meinem Denken. Ich habe ein unendliches Gewebe von Fragen und Beziehungen um mich. Aber es ist doch ein Einfaches darin. Ich sags besser: mit dem ersten, einfachen Selbst bewege ich mich in einem Geflecht stets neuer Fragen und Beziehungen. Immer bleibt aber die fundamentale Einfachheit, das lebendige Spiel der vielfältigsten Gegensätze, um einen einheitlichen Kern. Das ist gut, wo man mit seinesgleichen ist; da sprichts, und jeder regt jeden an. Wo aber einer wie ich, mit dieser elementaren Formeinfachheit unter den komplizierten Menschen des Nordens steht, lähmt er. Neulich sagte mir jemand: »Ihre Vorträge sind vollkommen, aber sie regen nicht an. Nachher sprechen die Hörer nicht darüber. Denn es gibt nichts zu sprechen. Es ist ja alles fertig.« Es war eine kluge Frau, die das sagte. Und es ist unheimlich wahr. Was mir, wirklich gemacht, aus der Hand geht, ist von klarer Erschöpfendheit. Man kann es nur nehmen, sich ihm schenken, oder es in sein Herz tun - oder es weglegen. Von Kant sagte einer, er sei ein gewaltiges Fragment von ungeheurer Zeugungskraft. Ich kann nicht zeugen. Ich fürchte, ich lähme. Ich kann nur dasein; oder einem ein edles Gerät, oder ein Bild formen und schenken. Vielleicht noch einem Verwirrten den Sinn klar machen, aber sonst nichts.

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