Romano Guardini Online Konkordanz
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II. Der Vater der Glaubenden
Wir haben unsere Betrachtungen über Gestalten der heiligen Geschichte mit dem Gedanken begonnen, daß diese Geschichte nicht etwas Nur-Gewesenes ist. Sie lebt noch, in uns selbst. Sie ist vergangen, und zugleich weiter wirksam. Ihre Gestalten sind lebendige Möglichkeiten, die immer wieder auftauchen können. Sie sind Schlüssel zu unserem eigenen Innern; Warnungen und Weisungen für unser Tun; und wohl uns, wenn wir sie verstehen.
So war schon von den ersten Menschen die Rede. Wir haben durch sie das Seltsame unseres eigenen Daseins zu verstehen versucht: daß wir hinter unserem, uns gehörigen, von uns gelebten Dasein ein anderes stehen haben, das anders ist. Nicht nur besser, reiner, kindlich unbefleckt, sondern von Gott her gebaut, heilig. Zwischen ihm aber und dem Offen-Unsrigen läuft ein Bruch. Es ist ein Dasein, das zu uns gehört, und das wir doch nicht haben. In echter Weise kommt es uns in der Reue zum Bewußtsein - auch in der Verzweiflung, die sich selbst verloren gibt, und viel mehr bedeutet, als von der bloßen Welt aus verstanden werden kann. Denn verzweifeln kann der Mensch nur von etwas her, was über der Welt steht; über seinem »natürlichen« Dasein; und von dem er doch erst sein Eigentlichstes empfangen kann. Verzweifeln heißt, das aufgeben, und damit sich selbst. Aber davon wollen wir hier nicht reden. Davor soll uns der Herr bewahren. Hier wollen wir von der wohl ernsten, bitteren, aber guten Art reden, wie wir uns jenes Daseins erinnern: der Reue. Wenn ich bereue, bereue ich nicht nur, daß ich dieses oder jenes getan habe, sondern, wie sehr tief gesagt worden ist, daß ich bin, wie ich bin. Mich bereue ich. Mein ganzes Sein nehme ich in die Reue auf. Und appelliere an die Möglichkeit, daß ich ein anderer werden kann. Das alles aber setzt voraus, daß ich - der Mensch, der erste Mensch, und ich in jenem - schon einmal ein anderer war.
Nun richten wir den Blick auf eine andere Gestalt, die erste deutlich faßbare der Heilsgeschichte: Abraham.

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