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Eine Denkergestalt des hohen Mittelalters: Bonaventura

I.
Es ist nicht anzunehmen, daß der Name des heiligen Bonaventura beim neuzeitlichen Leser eine deutliche Vorstellung hervorrufe. Vielleicht kennt dieser ihn überhaupt nicht. Trotz der emsigen Arbeit der letzten fünfzig Jahre ist die Gedankenwelt des Mittelalters für unser allgemeines Bewußtsein weithin noch einer dunkel-ungeschiedenen Masse vergleichbar. Das ist aber bedauernswert und unrecht zugleich. Denn die humanistisch-neuzeitliche Fiktion, als gehe unsere geistige Existenz auf das Altertum zurück, und entspringe im übrigen, durch eine generatio mehr als aequivoca, unmittelbar aus der Neuzeit selbst, enthält nicht nur einen Irrtum, sondern auch eine Untreue. In Wahrheit wurzelt unser lebendiges Sein und Schaffen tief in den langen Jahrhunderten, die wir Mittelalter nennen, sicher viel tiefer als im Altertum.
Die Geschichte des mittelalterlichen Denkens beginnt, eng genommen, in der Zeit der Karolinger und endet mit dem fünfzehnten Jahrhundert. Richtiger ist es vielleicht, den Anfang bereits viel früher anzusetzen. Augustinus ist ein ebensoviel mittelalterlicher wie antiker Denker. Und in den Kämpfen um das Problem der Trinität, der Christologie, der Gnade und der Freiheit; in den theologischen Auseinandersetzungen also des zweiten bis fünften Jahrhunderts, aus welchen Augustinus die letzten Ergebnisse zieht, werden bereits eine Reihe von Begriffen und Motiven geboren, welche für die Geschichte des mittelalterlichen Denkens grundlegend werden sollten. So umfaßt der große Bogen mittelalterlichen Denkens von seinem ersten Anhub bis zu seinem endgültigen Niedersinken eine Spanne von rund tausend Jahren.
Und er überwölbt eine Fülle von Gestalten. Am Beginn ein Augustinus und Leo der Große. Dann jene Denker, die aus

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