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Über die systematische Methode in der Liturgiewissenschaft [1921] Die Liturgie ist ein Kulturgebilde mit ganz bestimmter geschichtlicher Prägung. Sie ist entstanden unter dem Einfluß feststellbarer Verhältnisse; hat sich durch lange Zeit hin gemäß ihrer inneren Anlagen entwickelt und dabei durch verschiedene landschaftliche, völkische, kulturelle Bedingungen sowie durch äußere Vorgänge tiefe Veränderungen erfahren; muß endlich solche Umbildungen - wie die jüngsten Reformen beweisen - noch beständig gewärtigen. So ist die Liturgie, nach Form, Inhalt und Bedeutung für die religiöse Gemeinschaft, ein Gegenstand geschichtlicher Untersuchung. Andererseits ist sie aber nicht nur etwas, das einst war, sondern auch etwas, das heute ist. Sie liegt nicht bloß in Schriften und Denkmälern der Vergangenheit begraben, wie etwa die Verehrung des Mithras, sondern steht heute als wirkliche Lebensäußerung wirklicher religiöser Gemeinschaften vor uns, insbesondere als Religionsübung der katholischen Kirche. Schon als solche, als Vorhandenes, als von bestehenden Gemeinschaften gedachter Gedanke, gebrauchtes Wort, geübte Handlung, durchlebter Seelenzustand, zwingt sie zu einer weiteren Art der Untersuchung. Neben der Frage: "Wie ist sie geworden?" fordert die Liturgie die zweite: "Was ist und bedeutet sie jetzt?" So, wie etwa die Rechtswissenschaft nicht nur zu forschen hat, wann und wie das Recht entstanden ist, sondern auch, wie es sich jetzt mit der bestehenden gesetzlichen Ordnung verhält. Es müßte also festgestellt werden, was zurzeit überhaupt als Liturgie gegeben ist: Welche Texte, Riten, Geräte, Symbole, Vorschriften; darinnen welche Gedanken, Absichten usw. Also zunächst eine Bestandsaufnahme, durch die das Vorhandene ins wissenschaftliche Bewußtsein gehoben wird. Dann wäre zu fragen, ob das alles nur ein Anschwemmsel zusammenhangloser | ||
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