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Von Goethe und Thomas von Aquin und vom klassischen Geist Eine Erinnerung Das war doch eine helle Sache, unsere kleine Goethefeier auf Burg Rothenfels am 28. August 1924 - jene kurze Stunde, in welcher Rede, Dichtung und Musik so reich und klar zusammenklangen! Mit dem Namen Goethes hob sie an; dann weitete sich der Blick, und in sein Feld trat der heilige Thomas von Aquin. Wir hatten die Feier ja nicht vorbedacht, so wenig wie irgend eine Einzelheit der Tagung sonst, von der nur die große Linie gezogen, dann aber alles der Schaffenslust der Gemeinschaft in die Hand gegeben war; sondern als wir eines Abends beisammen saßen, um zu bedenken, was weiter geschehen sollte, kam's auf einmal, daß übermorgen Goethes hundertfünfundsiebzigster Geburtstag war. Es war, als sei etwas ganz Helles unter uns getreten. »Daran müssen wir denken!« ... Dann lief die Rede weiter: »Dieses Jahr ist aber auch das siebenhundertste, seit Thomas von Aquin geboren wurde!« Aber was haben diese Beiden gemein? Ich erinnerte mich wohl, wie mir bei irgend einer Gelegenheit gesagt worden war, der alte J. B. Heinrich, scholastischer Theologe und Bischof Wilhelm Emmanuel von Kettelers Generalvikar - er gehörte zu der alten Generation, die mit Gottesgelehrsamkeit und Gedankenkraft zugleich eine reiche Weltbildung verbunden hatte - Heinrich also habe sich einmal scherzend angeklagt, er sei bei Goethe schier besser zu Hause als beim heiligen Thomas; Goethe aber sei der Gipfel dessen, was ein Mensch erreichen könne, ohne sich auf Christus zu stellen. Doch haben wohl die Meisten nicht recht getraut, als es hieß, wir wollten jener beiden in so verschiedenem Sinne Großen zusammen gedenken. Dann aber klang es, glaube ich, doch ganz überzeugend, als ich in einer kleinen Rede im Rittersaal die beiden Namen nannte: den großen Heiligen und tiefen, schweigenden Denker und das | ||
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