Romano Guardini Online Konkordanz
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Zweiter Kreis
Der Mensch und die Geschichte

Vorbemerkung
Im Fühlen und Denken Hölderlins tritt die Natur so stark hervor, daß man nicht erstaunt wäre, das geschichtliche Dasein von ihr ganz verdrängt zu sehen. Es gehört aber zum Wesen seines Weltbildes, daß die geschichtliche Wirklichkeit sich einer ersten, unmittelbaren Naturwirklichkeit gegenüber klar abzeichnet, um dann wiederum von der in einem neuen Sinne gesehenen Natur als dem übergeordneten Ganzen aufgenommen zu werden.
Es gibt verschiedene Arten, die Geschichte zu sehen. Die personalistische stellt alles auf den handelnden Einzelnen, seine Entscheidung, seine Tat und die daraus entspringenden Folgen; vor allem auf den großen Einzelnen, der den Auftrag und die Kraft geschichtlicher Verwirklichung hat. Als Beispiel wäre etwa an das Geschichtsgefühl Friedrich Hebbels zu denken. Die evolutionistische Auffassung legt den Nachdruck auf die großen, durch alles Einzelne hindurchwirkenden Zusammenhänge; ob diese nun, wie etwa bei den idealistischen Weltbildern, mehr im Geistigen und Religiösen oder aber, wie bei den positivistischen, im Empirischen gesehen werden. Von diesen beiden Vorstellungen trifft, streng genommen, keine auf Hölderlin zu. In seinem Geschichtsbild gibt es den handelnden Einzelnen, aber so, daß er in das Volk und die überpersönlichen Mächte des Zeitgeistes und des Schicksals eingeordnet ist; die großen Zusammenhänge, aber so, daß sie in der Gestalt und im Werke der Persönlichkeit gipfeln.
Darüber hinaus begegnen wir aber bei ihm einem eigentümlichen Gedanken, der mit seiner Anschauung über die Toten - die heimgegangenen Einzelnen sowohl wie die Gesamtgestalten vergangener Völker und Kulturen - zusammenhängt.

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