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Manchmal ist mir, als sei ich eigentlich so etwas wie ein »antiker Mensch«. Man redet hier vom antiken Menschen; aber mir ist, wenn er ihnen begegnet, wissen sie nichts damit anzufangen. Was wissen sie mit einem anzufangen, der aus der geformten Einheit seines Leibseelischen Menschentums heraus denkt? Bis ins Geistigste? Gott? Mir ist das Letzte: ich möchte ihn essen. Das klingt sicher vielen als primitive Stofflichkeit. Gibts Tieferes? Etwas aber hat mir das verruchte 19. Jahrhundert vorenthalten: den Leib. Das heißt aber für mich: Mich. Manchmal durchfährt es mich, was ich sein könnte, wenn man mich richtig erzogen hätte. Alles wäre plastisch geworden. Alles Linie. Alles Raum. So ist das Beste Fragment... Was tut aber ein solcher Mensch auf einem Lehrstuhl in Berlin? Dem Protestantischen Spiritualismus - oder Materialismus gegenüber, einer mir so fremd wie der andere? Es ist eine unheimliche Realität: das Blut. Was soll ich tun? Soll ich das, was sich da zu regen beginnt, zudecken? Oder soll ichs mit ermutigendem Blick anschauen? Was aber wird dann? Romano 92. Brief vom 20.07.1924, Potsdam. 20.7.24. Von Rothenfels aus käme ich gern zu Euch. Also etwa 1-8. September. Und dann dachte ich von Italien aus wieder acht Tage, zum Eingewöhnen, etwa 8-15 Oktober. Gehts? Wegen Speth*764: Ich hatte Dir s. Zt. für ihn, ich glaube 100,- geschickt. Die sind doch angekommen? 764 Karl Otto Speth (13.12.1890, Tettnang am Bodensee, bis 6.5.1925, Wangen), Maler mit Studium an der Kunstakademie München 1910-1914 und mit zeitgleichen Reisen nach Italien. In Mooshausen befinden sich ein Eintrag ins Gästebuch Knoepfler von 1918, zahlreiche Radierungen (darunter ein Porträt Knoepflers) und vier Ölgemälde von Speth, eines unter Einfluß des Jugendstils, die anderen stark expressionistisch gemalt. Möglicherweise stammen sie aus dem Besitz Guardinis und wurden von Berlin ins Mooshausener Exil mitgebracht. Guardini scheint Speth finanziell gestützt zu haben, der seit September 1919 bereits todkrank an einem tuberkulösen Kehlkopfleiden im Krankenhaus Wangen lag. | ||
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