Romano Guardini Online Konkordanz
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Aus dem Fürsorgerinnenleben
Eine Vorbemerkung
[1926]

Diese Schilderungen sollten eigentlich keiner besonderen Vorbemerkung bedürfen. Dennoch ist es vielleicht gut, eine solche vorauszuschicken. Jeder fühlt die Not der Frage, wie er sein lebendiges Sein und Schaffen in diese zugleich mechanisch erstarrte und zerbröckelnde, ortlose Welt hineinstellen könne. Wenn aber einer sie spürt, dann die Frau. Und wahrhaftig nicht deswegen, weil sie "schwächer" wäre, sondern weil sie ihrem ganzen Wesen nach Ort und sinnvolle Ordnung noch elementarer fordern muß als der Mann. Vielleicht auch, weil sie erst seit kurzem in breiterer Zahl in das erwerbende und öffentliche Leben eingetreten ist, daher größere Reserven an lebendiger Menschlichkeit besitzt und ungebrochenere Ansprüche an ein Persönlichkeits-ermöglichendes Dasein erhebt, als der Mann, der sich mit vielem längst abgefunden, ja aus mancher Kümmerlichkeit Theorie und Tugend gemacht hat.
Wie stehen lebendiger Mensch, Arbeit des Berufes und Gemeinsamkeit zu einander? Darüber theoretisch zu reden, hat nicht viel Sinn. Einmal, weil in diesen Dingen Theorie überhaupt nicht viel bedeutet; denn theoretische Einsichten mögen noch so tief sein, es fehlt in ihnen immer eins, das Konkrete. In der Wirklichkeit gibt es eben nie "den Arbeiter", "den Kaufmann", "die Fürsorgerin", sondern diesen bestimmten Menschen, der so und so ist. Und nicht "den Beruf der Fürsorgerin", sondern diese bestimmten Aufgaben in dieser bestimmten Stadt und in diesem Amte. Aber auch abgesehen davon handelt es sich ja hier nicht um Dinge, die da lägen und verstanden werden könnten, sondern um etwas, was erst zu schaffen ist; darum, wie heute der lebendige Mensch in Beruf und

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