Romano Guardini Online Konkordanz
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Die unschuldigen Kinder und die Gnade
Es gibt im Kirchenjahr ein seltsames Fest: den Tag der unschuldigen Kinder, die um des Christkindes willen starben. Im Matthäusevangelium heißt es (2,16): »Als Herodes erfuhr, daß er von den Weisen getäuscht worden war, kam er in großen Zorn. Er sandte hin und ließ alle Knaben von zwei Jahren an und darunter im ganzen Bezirk töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Weisen erkundet hatte.« Das Gedächtnis dieser Kinder feiert die Kirche, und nennt sie heilig; und in der Großen Litanei werden sie angerufen: »ihr heiligen unschuldigen Kinder, bittet für uns!«
Wenn wir uns in dieses heilig genannte Dasein hineindenken, so mag uns die Preisung fürs Erste wohl seltsam vorkommen. Ganz junge Menschenwesen waren es, kaum geboren. Sie hatten ihr Leben noch nicht gelebt. Sie hatten ihr Schicksal noch nicht erfahren. Der andere Mensch war ihnen noch nicht begegnet, an dem sie ganz zu sich selbst hätten erwachen können. Sie hatten ihre Liebe noch nicht geliebt und ihren Feind noch nicht gespürt. Die Freude war ihnen noch nicht aufgeleuchtet, und das Leid hatte ihnen noch nicht das Herz versehrt. Sie hatten ihr Stück Erde noch nicht erobert, ihr Werk noch nicht hervorgebracht, ihre Tat war noch ungetan, und ihr Inneres noch nicht ausgesprochen.
So hatten sie auch ihren Streit für Gottes Reich noch nicht gestritten; und was sie dafür hätten leisten und schaffen können, war ungeleistet und ungeschaffen und blieb es für immer.
Vielleicht sagt man, sie seien für den Herrn gestorben. Das ist wahr, aber was wußten sie davon?
Es hat das wohl gegeben, daß ein junges Wesen für den Herrn

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