Romano Guardini Online Konkordanz
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Vorbereitung auf Dante

Ein subjektiver Epilog
Entscheidend für das Verhältnis zur geistigen Schöpfung ist die Begegnung mit dem großen Werk. Diese aber fordert eine Konzentration der Kraft, ja sogar eine Art Hinordnung des Lebens, die mit der wachsenden Zahl der Werke immer schwerer wird. Und doch ist sie nötig – denn wie soll man innewerden, was Kunst ist, wenn man nicht das große Kunstwerk erfahren hat? Wird doch auch hier, wie in allen entscheidenden Dingen, das Eigentliche nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten bestimmt.
Große Form zu erfassen, fällt aber schwer, weil sie eben groß ist. So kann die Begegnung mit ihr nur Frucht einer langen Vorbereitung sein. Man muß lange werben, ehe sie sich schenkt. Man muß wittern, welche Dichtung einem im tiefsten zugewiesen ist: ob Homer oder Shakespeare, Vergil oder Goethe. Muß nach ihr hinfühlen, auch wenn sie noch so verschlossen dasteht. Aus dem Zusammentreffen mit Menschen, aus den Geschehnissen des Lebens muß man Hinweise auf das umworbene Werk gewinnen, bis es Zeit wird und seine Gestalt sich erschließt.
Das ist aus Erfahrung gesagt, und ich möchte erzählen, wie ich den Zugang zu Dantes Göttlicher Komödie gefunden habe.
Es sind nun rund fünfundzwanzig Jahre her *1 – ich war noch Student – da fragte mich einer meiner Professoren, ob ich Dante gelesen hätte; und als ich verneinen mußte, meinte er lächelnd, Theologie zu studieren, Italienisch zu sprechen und
*1 Die Skizze wurde im Jahre 1934 geschrieben. Heute müßte es also heißen: fast fünfzig Jahre.


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