Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 39> 


Die christliche Liebe
1. Korintherbrief 13

In der Heiligen Schrift gibt es Texte von besonderer Kostbarkeit. Sie haben etwas Vollendetes, wie ein Gedicht: so liest man sie immer wieder, spricht über sie und beruft sich auf sie. Das ist gut; solche Texte bilden gleichsam Punkte des Einverständnisses im christlichen Geistesleben. Dabei können sie aber auch Schaden leiden; abgegriffen werden, ins Alltägliche gleiten, kümmerliche oder schiefe Bedeutung annehmen. Vor solchen Texten hat der Ausleger vor allem die Aufgabe, ihnen ihre Größe und ihr Geheimnis wiederzugeben. Die Oberflächlichkeit des täglichen Gebrauchs erzeugt den Anschein, als sei das Wort Gottes bekannt, durchdrungen und ausgeschöpft. Es scheint »alt«, das heißt, in den Bestand der Welt, in den Zusammenhang des menschlichen Denkens aufgelöst. Das Wort der Offenbarung ist aber von Wesen »neu«, weil es von jenseits der Welt herkommt und niemals von ihr aufgesogen werden kann. Im wesentlichen weiß eine Generation deswegen, weil dreißig Jahre länger über ein Wort der Schrift nachgedacht worden ist, nicht mehr als die voraufgehende. Für jede Generation, für jeden Menschen, für jede Stunde ist Gottes Wort nur in der Form des Offenbartwerdens da. Das heißt aber, daß es durch nichts Voraufgehendes leichter verständlich gemacht wird, vielmehr zu jeder Zeit und durch jeden Menschen aus der innersten Bereitschaft des Glaubens verstanden werden muß. Diese Neuheit herzustellen, ist die vornehmste Aufgabe der Auslegung.

 < Seite 39>