Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 311> 



Allerseelen
Eine Lehrrede *61

Der heutige Tag mahnt uns an jene, »die im Herrn gestorben sind«. Er erinnert an unsere Verbundenheit mit den Menschengeschwistern, welche durch das Geheimnis des Todes von uns getrennt und doch von der Gemeinschaft der gleichen Erlösung umschlossen sind. Soviel verstehen wir leicht; wenn dieser Tag uns aber dann mit seiner Liturgie und seinen volkstümlichen Gebräuchen mahnt, daß wir ihnen Liebe und Hilfe schulden, klingt das manchem fremd. Was heißt das, den Verstorbenen helfen? Worin besteht ihre Not? Was ist der Sinn, welcher der Totenliturgie zugrunde liegt?
Das gläubige Volk - das Wort meint jene, die noch nicht durch die Unruhe des Verstandes und des Begehrens von den Wurzeln losgelöst sind - weiß sich mit seinen Toten tief verbunden. Der Name, mit dem es sie benennt: die »Armen Seelen«, drückt innige Nähe und liebende Sorge aus. Diese Sorge nimmt in seiner Frömmigkeit einen breiten Raum ein, und es wäre nicht gut, wenn sie verschwände. Es würde etwas Ähnliches bedeuten, wie wenn der Bauer von der Scholle weg in die Stadt zieht. Der Gebildete - und auch dieses Wort soll nichts von Geringschätzung an sich haben; sie wäre ebenso fragwürdig wie die des Volkes, denn auch der Gebildete ist eine Wirklichkeit und, in gewissem Sinne, ein Schicksal - hat jene besondere Sorge für die Toten verloren. Die Bräuche des Volkes befremden ihn. Das darf nicht mit der Feststellung abgetan werden, sein Glaube habe keine Kraft mehr. Das Sorgen und Beten und Opfern des Volkes für die Armen Seelen ist nicht einfachhin »Glaube« im christlichen Sinne. Darin lebt vielmehr die uralte Verbundenheit des erdnahen Menschen mit dem Totenreich fort. Wir meinen damit nicht die Anhänglichkeit

 < Seite 311>