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Der religiöse Gehorsam [1916] Der Mensch verlangt nach Fülle des Seins, nach Reichtum des Wirkens und Besitzens. Dieses Verlangen treibt ihn, sich durchzusetzen, nach dem zu greifen, was ihm wertvoll dünkt, sich in Schaffen und Genießen auszuleben. Und doch bedeutet es die letzte Entscheidung über den Sinn seines Daseins, ob er das Grundgesetz alles geistigen Lebens begreift, das in den Worten Jesu liegt: »Wer seine Seele verliert, gewinnt sie; wer sie behält, verliert sie.« (Mt 16,25) Nicht, wenn er meint, sich selbst zu genügen und über die anderen hinweggehen zu können, wird der Mensch groß, sondern wenn er seine Bedürftigkeit eingesteht, sich in lauterer Hingabe öffnet und schenkt. Wirklich schöpferisch wird er nicht, wenn er im Drang bloßer Selbstentwicklung seine Kräfte auswirkt, sondern wenn er dem Werk, der Idee in Treue dient. Der andere Mensch, das Werk, die Idee, dürfen nicht Mittel zum Zweck eigensüchtiger Selbstbehauptung werden. Er muß ihnen in Ehrfurcht gegenüberstehen und sich vor ihnen vergessen. Das ist jenes innere Verlieren seiner selbst, darin er den Achsenpunkt seines geistigen Lebens aus sich heraus in das »Du« eines geliebten Menschen, eines wertvollen Werkes oder Gedankens legt. Dieses Du-sagen ist ein Wagnis. Das kann dem Menschen so stark zum Bewußtsein kommen, daß ihm ist, als setze er sein inneres Sein aufs Spiel. Es kann die naive Sicherheit zerstören, mit der er in sich selber stand. Wie, wenn jenes »Du« versagte? Wenn er nach langer Arbeit einsehen müßte, das Werk habe ihn betrogen? Und vielleicht nicht nur, weil es zufällig geringeren Wert hatte, als etwa ein anderes, sondern weil überhaupt niemals ein Werk die Hingabe der Persönlichkeit entgelten kann? Oder er müßte einmal erfahren, daß jener andere, dem er sich geschenkt, ihm nichts dafür gegeben hat? Wieder nicht, weil gerade dieser | ||
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