Romano Guardini Online Konkordanz
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Eine Auslegung der ersten fünf Kapitel von Augustins Bekenntnissen
[1944]

Vorbemerkung
Augustinus hat eine Verbindung von der Antike zum Mittelalter geschaffen, aber auch eine solche von der Antike zur Neuzeit. Die Denker und geistlichen Meister des Mittelalters haben mit vollen Händen aus seinen Schriften geschöpft, manche seiner Fragen sind ihnen aber fremd geblieben. Dazu gehört vor allem die, wie der einzelne Mensch sich im Dasein vorfinde. Als Augustinus sie stellte, waren die schützenden und tragenden Ordnungen, welche um den antiken Menschen her einen Kosmos bildeten und seinem Dasein Selbstverständlichkeit gaben, überall im Zerfall begriffen, so fühlte sich der Einzelne einer unheimlich gewordenen Welt und einem nicht mehr verständlichen Geschichtsgang ausgeliefert. Die Situation hatte sich bereits in der Stoa angekündigt, doch waren da die erhaltenden Mächte noch stark genug, um das Problem auf unmittelbar praktische Weise durch Standhaftigkeit, Rechtlichkeit und Pflichterfüllung zu lösen. Als Augustinus lebte und dachte, war der Vorgang schon so tief gedrungen, daß die stoische Antwort nicht mehr ausreichte. Dazu kam bei ihm eine mächtige philosophische Begabung, welche sich mit der Frage, was zu tun sei, nicht begnügte, sondern wissen wollte, was ist. Schließlich aber und vor allem das neue, die Situation des Menschen umwandelnde Erlebnis, als Einzelner vor Gott zu stehen, endlich-preisgegebenes Wesen und zugleich Gegenstand göttlicher Liebe und damit Träger ewigen Sinnes zu sein. Das befähigte den frühchristlichen Menschen, die Wirklichkeit des personalen Daseins in einer Weise zu empfinden und die daraus

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