Romano Guardini Online Konkordanz
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28.8.42
In den Tagebüchern Lionardos gelesen. Man rühmt die vielen Erkenntnisse und Experimente: Mir war zumute, als stünde ich in einem großen Raume voll Gerümpel.
Alles war so durch und durch überholt. Das ist gewiß nicht fortschrittsgläubig gemeint; ich wüßte nichts, was, wesentlich gesehen, gleichgültiger wäre als das, was man gewöhnlich unter Fortschritt versteht. Ebendarum ist es ja so von Grund aus überholt, denn was kann weiter überholt sein als die Fortschritte, die das Gestern über das Vorgestern hinaus gemacht hat? Eine Einsicht in eine menschliche oder metaphysische oder religiöse Wahrheit, rein gewonnen und in ihr richtiges Wort gebracht, ist immer lebendig, auch wenn nachher noch so viel gedacht wird. Ein rein geschaffenes Kunstwerk ebenfalls. Mit der Wissenschaft und Technik steht es anders. Sobald sie gewonnen sind, werden sie selbstverständlich, und sobald sie überholt sind, werden sie zu Gerümpel.
Lionardos naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Ideen wären mit der Zeit irgendwo gekommen. Jeder halbwegs befähigte Forschungsmann hätte etwas davon gefunden; und wenn das statt heute zehn Jahre später geschehen wäre, hätte es in keinem wesentlichen Sinne einen Verlust bedeutet. Kein anderer aber konnte eine Hand zeichnen, wie Lionardo sie gezeichnet hat. Von da aus gesehen: wieviel vertane Schöpferkraft, wieviel Ungetanes, nur einmal Mögliches!

6.10.42
Die Theologie sagt: Gott habe die ganze Länge und Breite und Tiefe des geschichtlichen Geschehens vorausgesehen und geplant. Der Gedanke ist sicher richtig – aber können wir mit ihm leben und zugleich die Entscheidungsdichte des Augenblicks ernst nehmen?

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