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95.
Brief vom 11.11.1924, Potsdam.
(auch 12.11.1924)

11.11.24.
Es ist der elfte im November. Ein ganz guter Tag, anzufangen, frater Martine carissime, mit dem liber epistolarum.*780 Möge der Tag ein gutes Omen bedeuten, daß es gelinge. Denn alle meine bisherigen Versuche, ein Tagebuch zu führen, sind verronnen. Ob ich mir selbst nicht wichtig genug bin, oder ob es mir verleidet, das Gewebe des Gelebten schreibend zu fassen, da es doch so weit ausgebreitet und so vielfach verworren ist, daß man mit dem wenig Zeit und Kraft gar nicht aufkommt - oder aber obs ganz rechtschaffene Faulheit ist - jedenfalls ging es bisher immer so. Vielleicht wird es nun besser, denn ich spreche zu einem, von dem ich weiß, er läßt nichts auf dem Blatt liegen, und nimmts ernst, mehr als ich selbst und als es wert ist ?
Gestern kam Dein lieber Brief. Sie sind mir allemal etwas Helles und Warmes. Und Deine Predigt. Josef, wenn ich Dich nicht so gern hätte, dann wäre ich richtig neidisch und verdrossen geworden. Das kann ich nicht! Was stehen da für Sätze drin! Herrlich. So mach weiter! Das gibt ein Volksbuch, in dem aber auch die - eheu*781, nicht sehr rühmenswerte! - Zunft der Gebildeten mit Nutzen lesen wird.
12. 11.
Gestern abend Vortrag vor den kath. Studenten: Wesen der Meditation. Versucht, begreiflich zu machen, wie elementar notwendig das Religiöse ist. Nicht ein Sollen, konventionell gepredigt und für richtig angenommen, sondern eine Existenznotwendigkeit. Nahe zu bringen versucht, wie religiös verwahrlost der ­üb­liche Gebildete ist. Und wie die Betrachtung ein Weg zu religiöser Substanz ist.
Josef, der katholische Student ist nichts zum Staat machen! Wenn die Hörer aus der Stadt nicht wären (Nichtstudenten), die Nichtkatholiken und die Quickborner, spräche ich vor halb leeren, fast ganz leeren (denn halb sind sies!) Bänken. Als Universitätsseelsorger, in diesem von allen Problemen und Erschütterungen und allen das Religiöse wie Sittliche
780 Der 11. November ist Gedenktag des hl. Martin, also »Namenstag« von Weiger, der in Beuron als Novize Frater Martin hieß. - Liber epistolarum wird hier im übertragenen Sinn als Tagebuch (aus Briefen) gebraucht.
781 Ironischer lateinischer Ausruf: »ach!«

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