Romano Guardini Online Konkordanz
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Brief vom 25.06.1912, Mainz.
Mainz*128 25. VI. 1912.
Lieber Josef.
Zuerst über die Predigten. Für hiesigen Brauch sind sie fast zu kurz. Meist dauert eine Hochamt- oder Abendpredigt eine gute halbe Stunde, nicht selten auch noch mehr. - Zudem ist die Kürze bei diesen stark induktiv angelegten Predigten schwer, da gerade das Hauptgewicht darauf liegt, aus einer größeren Zahl von Erfahrungs- oder Schriftelementen herauszubauen. Jedoch gebe ich gerne zu, daß größere Kürze gut wäre.
Vielleicht interessieren Dich folgende drei Typen der Predigt. Die Komposition entfaltet sich, wie Du sehen wirst, in der gleichen »Kurve«, die ich mir allmählich für meine sermones herausgebildet habe.
I) Die didaktische, lehrende Predigt. 1) Sie gewinnt erst aus einer größeren Zahl von Erfahrungstatsachen, und/oder Fragen und intellektuellen Forderungen, und/oder Schriftelementen induktiv, schrittweise die dogmatische Idee (also natürliche und dogmatische Schriftinduktion.) 2) fixiert sie diese, stellt sie in ihrer dogmatischen Wucht, klar formuliert, hin 3) sucht sie die Wahrheit zu entfalten und in ihrer lichtspendenden, erklärenden, führenden, kurz, lebengebenden Bedeutung darzulegen.
II. Die moralische Predigt. 1) Sie gewinnt wiederum erst induktiv die betr. Idee, das Gebot, die Tugend, aus der Schrift, aus dem moral. Bewußtsein und der Erfahrung, sucht aber zugleich »suggestiv« die moralischen Grundlagen des Gebotes zu wecken, es als inneres Postulat, als Wert und innerlich Ersehntes erwachen zu lassen 2) formuliert sie die Idee, und stellt sie (jetzt erst, nachdem sie als Wert und Postulat gefühlt ist) als autoritatives Gebot auf. Also erst suggestiv, dann imperativ.* 3) Nun entfaltet sie die Idee in ihrem Gehalt und ihrer Tragweite, für das praktische Leben.
Damit soll nicht gesagt sein, daß in der moralischen Idee zuerst das subj. Moment von Wert und Forderung, dann erst das obj. der ethischen
128 Ab 16. April 1912 wirkte Guardini als Kaplan in Mainz, St. Christoph; BL 100f.

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