Romano Guardini Online Konkordanz
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Glaubensgeschichte und Glaubenszweifel

I.
Der glaubende Mensch steht im gleichen Dasein wie jeder sonst. Sein körperliches Leben ist aus den Stoffen der Natur aufgebaut und von ihren Kräften durchwirkt. Er lebt in den Gemeinschaften der Familie und des Volkes. Zusammen mit allen anderen steht er in den Ereignissen der Geschichte, arbeitet im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leben mit. In seinem Bewußtsein finden sich Träume, Gedanken, sittliche Motive, Vorbilder rechten Lebens und Hoffnungen erfüllten Daseins. Alles ist, wie Menschenleben sonst ... Im Bewußtsein eines solchen finden sich aber auch Gedanken anderer Art. Der vom Vater im Himmel zum Beispiel, welcher alle Dinge erschaffen hat und sie mit seiner vorsehenden Weisheit lenkt; oder von der Erlösung und dem aus ihr hervorgehenden Anfang neuen heiligen Lebens, das sich in der Ewigkeit erfüllt. Diese Gedanken lassen sich nicht auf allgemeine menschliche Erkenntnisse und Erlebnisse zurückführen – wenigstens nicht, solange man sie in ihrem eigentlichen Sinne nimmt. Die Wahrheit, die sie zutiefst meinen; die Gesinnung, die aus ihnen spricht; die Lebensführung, zu welcher sie rufen, führen zuletzt auf eine bestimmte Gestalt zurück, nämlich Jesus Christus. Er erhebt den Anspruch, die lebendige Offenbarung des verborgenen Gottes, der Erlöser aus der Verlorenheit und der Bringer des neuen Lebens zu sein ... Der Mensch, von dem wir sprechen, ist in irgendeiner Weise an Jesus Christus geraten. Entweder unmittelbar, indem er sich selbst in die ersten Quellen vertieft hat, die von Jesus berichten; oder durch andere, die ihm sein Bild und seine Lehre vermittelt haben. Er ist überzeugt, Christus sei die wahrheit- und heilbringende Gestalt einfachhin; erst von ihm her lichteten sich die Rätsel

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