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Die Erkenntnis und der Lehrer der Wahrheit in Dantes Gedicht

I.
Im Mittelalter lebte ein leidenschaftliches Verlangen nach Wahrheit. Dieses Verlangen war anders geartet als jene beiden Formen der Wahrheitssuche, wie sie im Bewußtsein der Gegenwart stehen: die neuzeitliche und die antike. So hat es das Schicksal seiner Zeit überhaupt geteilt, nämlich als im letzten unwesentliche Mittelform zwischen den beiden ihm benachbarten, für vollwichtig empfundenen Gestalten abendländischen Daseins zu erscheinen. Diese Anschauung wandelt sich aber, und vielleicht beginnen wir zu sehen, was allein zu wirklichem Verständnis auch der einzelnen Lebensäußerungen jener Zeit führen kann, nämlich das mittelalterliche Dasein selbst, die Weise, wie damals der Mensch in der Welt stand.
Hier müssen wir auch ansetzen, wenn wir die besondere Art des Erkenntniswillens begreifen wollen, die in jenen Jahrhunderten am Werke war.
Es ist sehr fragwürdig, Dinge von solchem Tiefgang und solcher Vielfältigkeit mit wenigen Worten bestimmen zu wollen. Wir verfehlen aber doch wohl nicht das Wesentliche, wenn wir meinen, der neuzeitliche Erkenntniswille richte sich in abgelöstem Gegenüber auf den objektiven Sachverhalt und dessen rationale Aufhellung. Sein Ethos fordere, daß dieser Sachverhalt immer reiner erfaßt, dessen Aufhellung immer exakter vollzogen werde. Daß also fortschreitend ausgeschaltet werde, was dieser Gegenständlichkeit und Rationalität widerspricht, vor allem die konkrete Subjektivität des Erkennenden; so daß Erkenntnis fast als unbeteiligter Ertrag einer unpersönlichen Apparatur erscheint ... Demgegenüber freilich, und gerade durch die Energie dieser Tendenz hervorgetrieben, finden wir eine

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