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Tagebuch - Reise nach Sizilien Im Zuge Zuweilen werden einem neue Augen geschenkt. Heute ging es mir so, als ich am Fenster saß und nach Süden fuhr. Die Augen hatten in der Stadt gefastet, immer nur Mauern gesehen, Straßen, Stadtmenschen und im Übrigen bedrucktes Papier. Nun aber blickten Wälder und verschneite Äcker her, und alles war neu. Schön ist das, wenn so die Gestalten innig eindringlich hervortreten. Wenn bald ein Höhenzug, bald eine Waldecke Einen anschauen, als sprächen sie: »Bin ich nicht schön?« Es kommt einem warm und froh übers Herz, und man möchte mit der Hand darüber hinstreichen und sie liebkosen. Im Thüringer Land lag alles unter verglastem Schnee. Feiner, grau-blauer Dunst war über den Feldern und um die Birken. Wie Gebilde aus Kopenhagener Porzellan sahen die Dinge aus. Nach Nürnberg war's, als gehe das innere Antlitz der Natur auf; als löse es sich in ihr, inwendig, vom Herzen her. Frühling, noch verhalten, regte sich. Ganz scheu lief ein grüner Hauch über die Felder. Die Bäume standen noch leer, aber sie warteten. Immer heller wurde es. Es ging richtig nach Süden! Der Zug eilte fröhlich voran. Die Farben sanken tiefer in sich selbst. Die Erde war kräftig rot; die Schatten in den Furchen saßen dunkelviolett, und aus allen Bäumen drang junges Grün. Dann wurde es Abend, und die Sonne goß goldenen Rauch über das Land. | ||
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