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Religiöse Erfahrung und Glaube

I.
Zuerst: Was ist das Religiöse?
Bei dieser Frage denken wir noch nicht an Christentum und Kirche, sondern an jene eigentümlichen Vorstellungen und Symbole, Verhaltensweisen und Einrichtungen, die wir überall im Laufe der Geschichte finden und, im Unterschied zu Wirtschaftsleben, Recht, Kunst usf. "Religion" nennen *1.
Das religiöse Leben scheint aus zwei Quellen hervorzugehen.
Einmal aus einer besonderen Art, vom Dasein berührt zu werden. Das Dasein - der Ausdruck in seinem umfassendsten Sinn genommen - enthält Dinge, Lebewesen, Menschen, Geschehnisse, Ordnungen. Das alles hat seine verschiedenen Eigenschaften, des Seins und des Verhaltens, wie sie in der Erfahrung aufgefaßt; seine Gesetze, wie sie durch die Wissenschaft festgestellt werden. Es bildet einen geschlossenen Zusammenhang, "die Welt", mit ihren verschiedenen Bereichen; gegliedert nach Oben und Innen, Wesen und Ausdruck, Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel, Ganzem und Einzelheit, nach Rangordnung des Wertes, Zielen des Geschehens usf. Der Mensch faßt diese Welt als Wesens- und Sinngebilde auf und sucht sie zu verstehen. Er erlebt sie als Widerstand und sucht sie zu überwinden und zu beherrschen. Er erkennt in ihr Forderungen - deren Erfüllung oder Nichterfüllung den Sinn seines Daseins bestimmen, sittliche, kulturelle - und sucht ihnen zu genügen.

*1 Zum Ganzen vgl. die Schriften von R. Otto, bes.: Das Heilige (zuerst 1917), und: Das Gefühl des Überweltlichen (1932); W. F. Otto, Die Götter Griechenlands (1929); L. Lévy-Bruhl, La mentalité primitive (1925) und: L'âme primitive (1927); G. van der Leeuw, Phänomenologie der Religion (1935); R. Guardini, Religion und Offenbarung, Würzburg 1958 [Mainz/Paderborn 1990].

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