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Die Liturgie und die psychologischen Gesetze desgemeinsamen Betens Ein Beitrag zur religiösen Sozialpädagogik [1917] I. Ein alter theologischer Satz sagt: »Die Natur und die Gnade tun nichts umsonst.« Natur und Gnade haben ihre Regeln. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, unter denen das natürliche und übernatürliche Geistesleben gesund bleibt, wächst und reich wird. Im Einzelfall mögen diese Regeln ohne Gefahr übertreten werden, wenn irgendeine starke Seelenbewegung, eine große Notlage, eine besonders geniale Veranlagung, ein großer Zweck oder sonst etwas Ähnliches es rechtfertigt oder entschuldigt. Auf die Dauer aber geschieht das nicht ungestraft. Gleichwie das Leben des Körpers verkümmert oder krank wird,` wenn die Vorbedingungen seines Wachstums auf die Dauer nicht beachtet werden, so ergeht es auch dem Leben des Geistes und der Religion: Es wird krank, verliert seine Frische, Kraft und Einheit. Das gilt ganz besonders dann, wenn es sich um das regelmäßige religiöse Leben einer Gemeinschaft handelt. Im Leben des Einzelnen hat die Ausnahme trotz allem noch einen größeren Spielraum. Sobald aber die religiöse Betätigung einer Mehrheit in Frage steht, sobald es sich also um objektive Einrichtungen, Übungen, Formulare handelt, die das ständige gemeinsame Andachtsleben ordnen, dann ist es eine Existenzfrage für dieses Gemeinschaftsleben, ob die Grundgesetze des gesunden natürlichen und übernatürlichen Lebens darin beobachtet werden oder nicht. Denn hier dreht es sich nicht um Formen des religiösen Verhaltens, die nur einem augenblicklichen Bedürfnis | ||
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