Romano Guardini Online Konkordanz
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14.
Brief vom 22.10.1912, Freiburg im Breisgau.
Freiburg i/B.; 22.X.1912.
Collegium Sapientiae.*139
Lieber Josef!
Du siehst, wieder eine Veränderung. Es ist nun der dreizehnte Wechsel seit neun Jahren. Und der liebe Gott wird wissen, wann ich ans Ende komme. Ich wollte Du wärest da. Ich hab das Herz so voll von vielen Dingen! - Ists weit von Wangen nach Freiburg? Oder treffen wir uns einmal in Beuron? Hier in Freiburg wären wir völlig ungestört und Du hasts auch noch nicht gesehen.
Vorgestern auf einem Spaziergang hab ich mir allerlei Dinge durch den Kopf gehen lassen und kam auch auf die Idee der Geistesfreiheit. Dann fiel mir ein, daß ich Dir noch eine Antwort auf die Brevierfrage schuldig bin. Ich habe nun einiges aufgeschrieben, es ist eine erste flüchtige Skizze.*140 Lies es und schick mirs dann mit Kritik wieder. Vielleicht ists ein Beitrag zu der Frage.
Heut erhielt ich auch das Mskr.*141 Besten Dank; es freut mich, daß Du davon Nutzen hast. Wenn wir uns treffen, wollen wir einmal die Sache durchsprechen. Ich hoffe, daß ich hier an der Universität Gelegenheit zur Prüfung und Diskussion finde.
Wenn Du antwortest, werde ich Gelegenheit haben, weiteres anzugeben. Heut möchte ich Dir nur ein Buch nennen, von dem ich einen großen Genuß hatte. Ich glaube, daß es für Dich in vieler Beziehung von Bedeutung sein kann. Es ist (mach' kein böses Gesicht!) eine Heiligenbiographie, aber von einer Art, wie ich noch nichts gefunden habe. Henri Bremond*142, Sainte Chantal, Paris, Viktor Lecoffre 2 Frs. Es setzt
139 Ab 1. Oktober 1912 war Guardini für das Promotionsstudium in Freiburg freigestellt; er wohnte im dortigen Theologenkonvikt Collegium sapientiae. BL 24f. und 101. - In der »Freien Vereinigung katholischer Studenten« in Freiburg hielt Guardini im WS 1912/13 drei Vorträge: »Das Ideal des christlichen Studenten«; »Weihnachtsgedanken«; »Das Kunstwerk. Eine prinzipielle Betrachtung«; Gerner II, 3.
140 Nicht erhalten; möglicherweise eine Vorstufe zu Romano Guardini, Die Bedeutung der Psalmen feriae quintae für das geistliche Leben, in: Der Katholik (1913), 83-97 (M 3).
141 Die Gegensatzlehre.
142 Bremond, Henri SJ (1865, Aix-en-Provence, bis 1933, Arthez-d'Asson), Schriftsteller, Literaturhistoriker. Hier: Sainte Chantal (1572-1641), Paris 1912 (BM).

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